Aus:

Süddeutsche Zeitung

WISSEN vom 07.07.2005

 

von Klaus Koch

 

 

Hormontherapie auf dem Rückzug

Männlichen, älteren Ärzten fällt das Umdenken jedoch schwer

 

In den vergangenen Jahren haben mehrere internationale Studien die Bewertung der Hormontherapie gegen Wechseljahrsbeschwerden gründlich umgekrempelt: Während viele Frauenärzte die Therapie vor dem Jahr 2000 noch fast jeder Frau empfohlen haben, sollen Hormone heute nur bei starken Beschwerden und dann auch nur so kurz und so niedrig dosiert wie möglich eingesetzt werden. Dieser Umschwung hatte Folgen: Im Jahr 1999, bevor es die ersten Negativmeldungen gab, verschrieben deutsche Ärzte noch über eine Milliarde Tagesdosen, 2004 waren es nur noch 459 Millionen.

   Allerdings haben sich nach einer Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) längst noch nicht alle Frauenärzte mit der Neubewertung der Hormontherapie abgefunden. Das Institut hatte Anfang dieses Jahres 401 der etwa 11 000 in Deutschland niedergelassenen Gynäkologen zufällig ausgewählt und per Telefon zu Haltung und Umgang mit der Hormontherapie befragt. Nach den Ergebnissen, die Jürgen Klauber und Annette Zawinell vom Wido gestern auf einer Pressekonferenz vorstellten, beharrt etwa ein Drittel der Frauenärzte auf alten Überzeugungen. Obwohl zum Beispiel die neuen Studien der Hoffnung widersprochen haben, dass Hormone vor Herzinfarkten und vor Altersdemenz schützen, glauben nach Ergebnissen der Umfrage immer noch 37 von 100 Ärzten daran.

   „Die Einschätzungen haben sich nicht so verändert, wie man das vor dem Hintergrund der eindeutigen Studienlage erwarten müsste“, bemängelt Bernhard Egger vom AOK-Bundesverband. Der Frauenarzt Klaus Vetter, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, sieht das Ergebnis jedoch positiver: „Gemessen am Umgang mit der Hormontherapie noch vor wenigen Jahren hat eine Mehrheit der Frauenärzte ihre Einstellung offenbar deutlich verändert.“ Die Umfrage belegt auch, dass sich Gynäkologen abhängig vom eigenen Geschlecht und Alter offenbar sehr unterschiedlich verhalten. So halten männliche Ärzte hartnäckiger am Nutzen der Hormone fest als ihre Kolleginnen: Von zehn männlichen Medizinern glauben sechs an die – mittlerweile widerlegte – Behauptung, dass „eine Hormonbehandlung Alterungsprozessen entgegenwirken kann“. Unter Ärztinnen sind es nur vier von zehn. Auch das Alter des Arztes beeinflusst offenbar die Einstellung zur Hormontherapie: So glaubt ein Drittel der Ärzte unter 45 an einen „Schutz gegen Alterung“ , bei den Ärzten über 60 liegt der Anteil mehr als doppelt so hoch.

 

Infos aus der Pharmaindustrie

 

   „Es besteht offenbar insbesondere bei den älteren, männlichen Frauenärzten eine sehr deutliche Tendenz, den Nutzen der Hormone über- und die Risiken unterzubewerten“, sagt Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Ein Grund, warum manche Ärzte auf alten Ansichten beharren, könnte in der Auswahl ihrer Informationsquallen liegen. Der Umfrage zufolge war der wichtigste Veranstalter von Fortbildungen zum Thema Hormontherapie die einschlägige Pharmaindustrie. Von fünf Fortbildungsveranstaltungen, die die Ärzte im Durchschnitt im Laufe des Jahres 2004 besucht haben, waren zwei von Hormonherstellern finanziert.