Nachtschattengewächse – Solanaceae
Von Renate Schmid
Erschienen in der: Homöopathie Zeitschrift,
Ausgabe 2/2003
Zur Familie der Nachtschattengewächse zählen die
in der Homöopathie wohl bekannten Pflanzen Belladonna, Hyoscyamus, Stramonium
und Mandragora, die halluzinogen wirksame Alkaloide enthalten. Aber auch
Nutzpflanzen wie Kartoffel, Tomate, Aubergine und Paprika gehören zu der
ursprünglich in den südamerikanischen Anden beheimateten Pflanzenfamilie.
Die Familie der alkaloidhaltigen
Pflanzen
Chemische Bestandteile –
Alkaloide
Therapeutische
Anwendungsgebiete
Nachtschattengewächse in
der Mythologie und Heilkunde
Heilkunde und/oder
Hexenpraktiken?
Volks- und Aberglaube im
Mittelalter
Rezeptur der Hexensalbe des
Giambattista della Porta
Rauschdrogen in der
heutigen Zeit
Die
Familie der alkaloidhaltigen Pflanzen
Der lateinische Name solanaceae kommt von
solumen (Trost und Beruhigung), weil diese Pflanzen in alter Zeit als
Schmerz- und Beruhigungsmittel eingesetzt wurden. Die
deutsche Bezeichnung „Nachtschattengewächse“ soll der Überlieferung nach von
dem alten Wort für Albtraum = „Nachtschaden“ herrühren. Die berauschende
Wirkung der Pflanze namens Nachtschatten (Solanum nigrum) wurde im Mittelalter
als Heilmittel gegen nächtliche Albträume (Nachtschäden) benutzt. Eine andere,
gegensätzliche Erklärung geht davon aus, dass der Nachtschatten tatsächlich
Schaden verursachte. Die Blüte der Giftpflanze Nachtschatten verströmt nur
nachts einen intensiven Duft, der beim Menschen zu Kopfschmerzen führen kann.
Es käme also tatsächlich zu einer Art „nächtlicher Körperverletzung“, wenn man
dem Nachtschatten zu nahe kommt.
Schließlich wurde eine ganze Gattung von Pflanzen nach der
Nachtschatten-Pflanze benannt.
Die Nachtschattengewächse (Solanaceae) sind
eine Familie der bedecktsamigen
Blütenpflanzen mit gut 95 Gattungen und mehr als
2000 Arten. Sie wachsen als Kräuter oder kleine Sträucher. Ihre Blätter sind
wechselständig, die Blüten haben eine radiale Symmetrie und einen
charakteristischen Fruchtknoten, bestehend aus zwei Fächern, der schräg in der
Blüte liegt. Die Früchte sind Beeren oder Kapseln. Solanaceen bevorzugen
kalzium- und nitrogenhaltige Böden. An sonnigen trockenen Standorten entwickeln
sie den höchsten Alkaloidgehalt. Solanaceen benötigen also Licht! Bei im
Schatten wachsenden Pflanzen liegt der Alkaloidgehalt um das 6–8-fache
niedriger.
Nachtschattengewächse sind in Mittel- und
Südamerika beheimatet, die Mandragora im östlichen Mittelmeerraum. In den
Kaltgebieten der Erde kommen sie nicht vor. Man findet die Pflanzen häufig auf
brachliegenden Feldern und Schuttplätzen. Viele Solanaceen werden als Nahrungspflanzen
genutzt, wie z.B. die Kartoffel (Solanum tuberosum), die Tomate (Solanum
lycopersicuum); auch Paprika (Capsicum) und Aubergine (Solanum melongena)
gehören dazu. Als Genussmittel wird die Tabakpflanze (Nicotiana tabacum)
verwendet. In der Heilkunde und zu diversen anderen Zwecken bediente man sich
wiederum der Giftpflanzen dieser Familie – und dies nicht erst seit dem
Mittelalter. Bereits die alten Perser und Ägypter kannten schon die Heilkräfte
der gelben oder rotgoldenen Beeren der Alraune und die aphrodisierende Wirkung
ihrer Wurzel1. Als Rauschdroge bis
in die heutige Zeit hinein gilt ferner der Stechapfel (Datura stramonium), der
Schwarze Nachtschatten (Solanum nigrum), die Tollkirsche (Atropa belladonna)
und das Bilsenkraut (Hyoscamus niger), das Tollkraut (Scopolia) und die Alraune
(Mandragora), ebenso die Pflanze Duboisia. Diese gedeiht nicht in Mitteleuropa
und hat infolgedessen keinen deutschen Namen. Nicht zu vergessen ist auch der
bittersüße Nachtschatten (Solanum dulcamara).
1 Die Alraune wird (zusammen mit ungefähr 700 anderen
medizinischen Pflanzen) im berühmten Papyrus Ebers aus der Zeit von 1700–1600
v.Chr. besprochen.
Die Nachtschattendrogen lassen sich deshalb in
eine große Gruppe zusammenfassen, weil ihre wichtigsten Alkaloide durchwegs
identisch sind, wenn auch bei den einzelnen Drogen wechselnde Konzentrationen
und Zusammensetzungen und eventuell noch unbekannte Wirkstoffe das Bild
erweitern.
Chemische Bestandteile
– Alkaloide
Alkaloide sind in der Natur vorkommende,
organische Verbindungen mit mindestens einem Stickstoffatom. Zu den Alkaloiden
gehören zahlreiche pflanzliche Gifte. Selten ist in einer Pflanze nur ein
Alkaloid enthalten, meistens findet man einen Komplex einander nahe stehender
Substanzen. Bekannt sind heute einige Hundert Alkaloide. Als erstes Alkaloid
wurde im Jahr 1803 von Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783–1841), der damals
Apothekerpraktikant in Paderborn war, das Morphium aus Opium isoliert. Später
gelang die Isolierung weiterer Pflanzenalkaloide: Strychnin (1818), Chinin
(1820), Coniin (1827), Nikotin (1828), Atropin, Hyoscyamin und Colchicin
(1833). Das bedeutendste Nachtschatten-Alkaloid ist Atropin, eine bitter
schmeckende, in Wasser schwer, in Chloroform leicht lösliche Substanz, die in
Prismen kristallisiert. Das zweitwichtigste Alkaloid der Nachtschattengewächse
ist Scopolamin, welches bis heute in der Medizin als beruhigendes Mittel
(mit Morphium kombiniert) angewendet wird. Noch 1967 hat Rudolf Degkwitz in
seinem Leitfaden Psychopharmakologie darauf hingewiesen, dass kein
zweites Mittel besser geeignet ist, erregte Geisteskranke schonend, aber sofort
zu beruhigen (1,5 ml Scophedal i.m.), während die immer noch verwendeten
Barbiturate (Luminal) erst viel später wirken und den Kranken durch einen oft
tagelangen Kater (Nachwirkungen der Vergiftung) sehr stören.
Die psychoaktiven Nachtschattengewächse wirken durch
Atropin, Hyoscyamin, Scopolamin, Apoatropin (das giftigste der fünf) und
Mandragorin. Diese gehören zur Gruppe der Tropan-Alkaloide, die allesamt stark
giftig sind. Die Wirkstoffkonzentration kann in den Pflanzen um bis zu 200%
variieren. In den einzelnen Pflanzen sind die Alkaloide wie folgt enthalten:
• Belladonna: (S)-Hyoscyamin, (S)-Scopolamin
kommt nur in Spuren vor und trägt nicht zur Giftwirkung bei. Das als Wirkstoff
angegebene Atropin entsteht nur durch
Umwelteinflüsse oder bei der Isolierung des
Alkaloids, indem sich (S)-Hyoscyamin in
(R)-Hyoscyamin umwandelt.
Das Gemisch, das aus gleichen Teilen von (S)- und (R)-
Hyoscyamin besteht, bezeichnet man als Atropin,
korrekter auch als (R, S)-Hyoscyamin.
• Hyoscamus: beträchtlicher Anteil an
Scopolamin (bis zu 50%), geringer Anteil an (S)-Hyoscyamin.
• Stramonium: überwiegend das Alkaloid (S)-Hyoscyamin,
kaum Scopolamin (nur in
jungen Pflanzen), liegt in der Giftigkeit
zwischen Belladonna und Hyoscyamus.
Tropan-Alkaloide wirken halluzinogen. Die
Rauschdauer beträgt meistens ca. 24 Stunden, psychisch verwirrte Zustände
können bis zu einer Woche, Pupillenerweiterung bis zu 72 Stunden andauern. Die
Nachtschattendrogen beginnen nach etwa sechs Stunden zu wirken. Die Aufnahme
des Stoffes erfolgt ausschließlich oral. Während des Rausches tritt starke
Euphorie und Erregung auf, sowie starke Halluzinationen – gelegentlich glaubt
der Konsument, sich in ein Tier verwandeln zu können. Als körperliche
(halluzinogene) Symptome treten auf: Pupillenerweiterung, Doppelbilder,
Trockenheit im Mund und Rachen, Durstgefühl, Gleichgewichts-störungen,
Muskelzucken, Verwirrtheitszustände und Schweißausbrüche. Überdosierung führt
zu schwersten Vergiftungserscheinungen, erkennbar
an fundamentalen Sinnestäuschungen, Erbrechen
und Kreislaufkollaps.
Therapeutische
Anwendungsgebiete
Die Tropanalkaloide werden ansonsten vor allem
eingesetzt bei krampfartigen Beschwerden des Verdauungstrakts und der
Gallenwege sowie in der Augenheilkunde. Sie wirken auf das vegetative
Nervensystem und die glatte Muskulatur (Erschlaffung) und heben durch ihre
krampflösenden Eigenschaften spastische Zustände auf. Auf das ZNS (@ oben)
wirken sie motorisch erregend bzw. dämpfend (in hohen Dosen). Es scheint so,
als hänge die spezifische Wirkung diverser Nachtschattengewächse primär vom
Verhältnis zwischen Atropingehalt und Scopolamingehalt ab.
Alle Tropanalkaloide wirken als kompetitive
Antagonisten des Neurotransmitters
Acetylcholin (Vaguswirkstoff), sie hemmen also
die Tätigkeit des Parasympathikus, der auf folgende Organe und Strukturen
einwirkt:
• Herz: Herzfrequenzverlangsamung (über
Sinusknoten)
• Gefäße: Erschlaffung der
Gefäßmuskulatur (Blutdruckabfall)
• Glatte Muskulatur: Kontraktion glatter
Muskulatur (Bronchien, Darm, Uterus; ferner
Mm. sphincter u. dilatator pupillae; mit Miosis
bzw. Nahsichteinstellung der Linse)
• Förderung der Sekretion: Zunahme der
Sekretion der Speichel-, Bronchial-, Darm- sowie der Schweißdrüsen.
Atropin ist das am meisten untersuchte
Nachtschattenalkaloid. Es verhindert u.a. die Bindung von Azethylcholin,
wodurch die Wirkung des Parasympathikus aufgehoben wird. Die Körperbewegungen
werden durch Atropin nicht gehemmt. Besonders leicht ablesen lässt sich die
Atropin-Wirkung durch die Pupillenerweiterung am Auge. Atropin entfaltet in
höheren Dosen (1 bis 2 mg subkutan oder intravenös) eine ausgeprägte
Kreislaufwirkung. Liegt, wie vor allem bei älteren Menschen, eine
Koronarsklerose vor oder hat der Betroffene einen Herzinfarkt überstanden, kann
das sehr gefährlich sein. Weiterhin wird die Speichelsekretion im Mund gehemmt
(trockenes Gefühl) und es entwickeln sich Spannungszustände im Magen-
Darm-Bereich und in der Gallenblase.
Scopolamin zeigt ähnliche Wirkungen wie Atropin,
wirkt aber auch stark zentral dämpfend, d.h es beruhigt. Die
zentralstimulierende Wirkung des Atropin tritt zurück. An körperlichen
Symptomen ist im Gegensatz zu Atropin die Pupillenerweiterung und die
Speichelbildung verstärkt. Auch die Bewegung des Darmtraktes ist durch die
Einnahme von Scopolamin stärker verringert als bei Atropin.
Den Namen hat das Hyoscyamin vom Bilsenkraut
(Hyoscyamus niger). Dabei kommt es in den meisten Nachtschattengewächsen in der
verhältnismäßig größten Menge vor. Das Hyoscyamin zerfällt bei der Trocknung zu
Atropin. Die Wirksamkeit des Hyoscyamins soll doppelt so stark wie die des
Atropins sein, d.h. die getrocknete Droge wirkt schwächer als die frische.
Hyoscyamin löst anticholinerge Symptome aus wie z.B. gerötete und trockene
Haut, Hyperthermie, Mydriasis, Tachykardie, motorische Unruhe, optische und
akustische Halluzinationen, Angst, Erregungszustände, zerebrale Krampfanfälle,
Somnolenz bis Koma, Atemdepression.
Es gibt noch andere atropinähnliche Alkaloide,
die jedoch immer nur in geringen Mengen vorkommen: Apoatropin, Belladonin und
Cuskhygrin. Bei den nicht-psychoaktiven Nachtschattenpflanzen auch Solanin und
Nikotin. Das Solanin wird direkt unter der Schale gebildet und ist in den grünen
Stellen der Solanaceen enthalten. Solanin ist ebenfalls giftig. Es kann in
geringeren Dosen Magen-Darm-Beschwerden, bei höheren Konzentrationen auch
stärkere Vergiftungserscheinungen auslösen. Der Solaningehalt der Kartoffel ist
besonders hoch in den Keimen, den so genannten „Augen“ und in der Schale und
ist vom biologischen Alter der Pflanzen abhängig. Grüne Tomaten enthalten
ebenfalls Solanin, hier Tomatin genannt. Bei größeren Mengen wird deshalb vom
Verzehr grüner Tomaten abgeraten.
Nachtschattengewächse
in der Mythologie und Heilkunde
Die „alte weise Frau“, die das Erbe der Druiden
antrat, wusste noch mit den mächtigen
Pflanzengeistern umzugehen. Ihr Glaube, dass in
einer Giftpflanze eben zwei Geister
wohnen, ein guter, den es zu befreien gilt und ein
böser, den man durch umsichtiges
Dosieren zügeln muss, hat sich bis heute
erhalten.
Heilkunde und/oder
Hexenpraktiken?
Irgendwann im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts
machten die einst so geachteten „weisen Frauen“ den endgültigen Wandel zur
gefürchteten „hexse“ durch. Die heiligen Frauen, die man rief, wenn es
um Heil-, Fruchtbarkeits- oder Geburtszauber ging, standen nun in dem Ruf,
Hagel, Seuchen und Wahnsinn über die Sippe zu bringen, der sie zuvor mit ihrer
Erfahrung und mit ihrem weisen Rat beigestanden hatten. Von dem Zeitpunkt an,
als das Christentum in Mitteleuropa Fuß gefasst hatte, musste man sich vor
Hexenzauber schützen. Die Heilkunde und das Wissen um Kräuter und deren
Zusammensetzung war schon immer ein elementarer Bestandteil jeder Kultur, aber nun
bestimmte ein Gesetz, das ein Universitätsstudium für die Ausübung der
Heilkunde voraussetzte.
Aber Frauen wurden ebenso wenig zur Universität zugelassen, wie sie die Lizenz
erhielten, eine Praxis zu eröffnen.
Dies war ausschließlich den Männern vorbehalten.
So wurden die „Heilerinnen“ in die
Illegalität getrieben. Natürlich arbeiteten sie
vor allem in den Dörfern weiter wie bisher – sie kannten es ja auch nicht
anders - und die Heil- und Ratsuchenden gingen weiterhin zu den
„Kräuterweibern“. Um auch noch den Rest der verbliebenen Frauendomäne zu
unterbinden wurde abermals ein Gesetz geschaffen und es begann die Verfolgung
der „Kurpfuscher“, die bald zur Hexenverfolgung überging. Gerichtet wurde nach
dem Motto: Was ein Arzt nicht heilen kann, müsse Hexenwerk sein. Im 14.
Jahrhundert erklärte die Kirchendoktrin, dass eine Frau, die sich anmaße zu
heilen ohne studiert zu haben, nur eine Hexe sein könne und deswegen sterben
sollte. Die Kirche ging soweit zu behaupten, dass eine Frau, die heilende Kräfte
besitzt, nur vom Teufel kommen könne, da Heilungen von Grund auf ein Übel seien
–
außer die Kirche oder männliche studierte Ärzte
würden die Heilung durchführen. Diese Frauen wurden der Ketzerei angeklagt. Und
eben jene Kräuter, die der Waldfrau oder Hebamme vormals zum Heilzauber
dienten, gebrauchte man schließlich zur Abwehr ihres bösen Blicks. Sogar das
Bilsenkraut wurde zum Schutz vor den Hexen über Stalltüren befestigt –
allerdings nicht bevor es kirchlich geweiht wurde. Sicherlich konnten nur Teile
des alten Wissens über die Kultpflanzen der „weisen Frauen“ die Scheiterhaufen
überdauern. Doch aus den Überresten kann man mit Hilfe von Arzneiwirkungen,
volksheilkundlicher Erfahrungswerte und Überlieferungen einen Teil der
„Zauberkünste“ erneut beleben und nutzen.
Die Alraune ist eine der am frühesten in den
medizinischen Schriften erwähnten Heilpflanze. Sie besitzt violette oder
grünlich-gelbe Blüten und safranfarbige pflaumengroße Beeren. Bereits in der
Antike rankten sich um diese Pflanze viele Mythen und Gebräuche. Die Ägypter
nutzten die Beeren als „Liebesäpfelchen“ oder als Grabbeigaben z.B. auch für
Tutench Amun. Die gespaltene, rettichähnliche Gestalt ihrer Wurzel erinnert an
Menschenbeine – daher auch der Name „Erdmännchen“. Pythagoras nannte die
Pflanze „Anthropomorphos“ (=
von menschlicher Gestalt). Im altdeutschen
führten die Namen „alruna“ und „albruna“ zu den Begriffen „die Raunende oder
Wissende“. In der Weltliteratur kommt die Alraune bei Mephisto in Goethes Faust
2, wie auch in Shakespeares Romeo und Julia (IV. Akt., 3. Szene)
vor. Viele volkstümliche Namen sind erhalten: Glücks-, Heil-, Galgenmännlein,
Schlafapfel, Hundsapfel, Tollkraut. Als Glücksmedaillon wurden
Mandragora-Wurzeln noch bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Deutschland
durch Händler verkauft. Sie verhießen materiellen Reichtum, Gesundheit und
Liebe. Ähnliches garantierten geschnitzte „Erdmännchen“ aus Ostpreußen und
geweihte Alraunen aus Wallfahrtsorten der Steiermark. Oftmals wurden andere Wurzeln,
wie z.B. die Karotte, als gefälschte „Erdmännchen“ für teures Geld an das
abergläubische Volk verkauft, was durch alte Berichte über
„Quacksalber-Prozesse“ überliefert ist. Ob die mit dem hebräischen „dudaim“ im
1. Buch Mose 3D, 14–15
die Mandragora gemeint ist, bleibt allerdings
zweifelhaft, da die Pflanze in Mesopotamien nie wuchs. Aber sie wird noch
zweimal in der Bibel erwähnt, einmal in der Genesis XXX, 14–16, als Rahel
Ruben, dem Sohn Leas, die Mandragorafrüchte wegnimmt, um damit ihre Unfruchtbarkeit
zu heilen, und ein andermal im Lied Salomon VII, 11–13, als die liebliche,
junge Sulamit, die häufiger als irgendein anderes weibliches Wesen von der
Dichtkunst besungen wurde, ihren Geliebten einlädt, mit ihr hinaus in die Natur
zu gehen. Dort, wo die Alraunen ihren Duft verströmen, schenkt sie ihm dann
ihre Liebe; es liegt dabei eindeutig in
ihrer Absicht, dass die Alraunen ihr einen
besonders feurigen Liebhaber bescheren sollen.
Der Name Bilsenkraut soll auf das
althochdeutsche „bilisa“ zurück gehen, das
möglicherweise auf den keltischen Sonnengott
Beal hindeutet, dessen Strahlen nicht nur Wärme und Licht, sondern auch den Tod
bringen konnten. Aber auch den alten Griechen war das Kraut bekannt. So lässt
Homer Odysseus mit Hilfe der Kirke, der Tochter des Sonnengottes, die die
Gefährten mit ihrem Gesang anlockte, durch „Schweinekraut“ vergiften. Das
berühmte Gastmahl aus Käse, Honig und Wein war mit Bilsenkraut vermischt. Nach
dem Genuss verwandelten sich alle Männer der Sage nach in quiekende Schweine.
Als Zahnschmerzmittel des Mittelalters, beschreibt der folgende Spruch seine
Anwendung:
„Willst
du dein Zähn in gut Behafft,
Nimm
Samen des Lauchs und Pilsensaft.
Verbrenn
es und fange den Rauch davon
Und
lenk es in den bösen Zahn.“
Das Bilsenkraut war wohl das eigentliche
Hexenkraut schlechthin. Der Brauch, Bilsenkrautsamen auf Kohle oder heißen
Eisenplatten zu erhitzen, wurde schon von den griechischen Orakelpriesterinnen
genutzt um die „göttliche“ Inspiration anzuregen. Später stellte man dann so
genannte Schlafmittelschwämme zur Betäubung der Patienten vor Operationen her.
Der katalanische Arzt Arnaldus von Villanova (2. Hälfte des 13. Jh.)
verabreichte vor einem schweren Eingriff Opium, Mandragorawurzel und
Bilsenkraut und auch die Rezepturen von Paracelsus stützen sich auf die
Alkaloide der Nachtschattengewächse. Im Mittelalter verstärkten die Bierbrauer
die Alkoholwirkung des Bieres durch den Zusatz von Bilsenkrautsamen. Sie zogen
das Bilsen wie auch andere Nachtschattengewächse in ihren Gärten und setzten es
dem ursprünglichen „Pilsen“ zu, um so einen kräftigeren Rausch zu erzeugen. Die
Gefährlichkeit der Bilsenkrautbiere wurde schon früh erkannt und im Jahr 1507
bestimmte eine Polizeivorschrift aus Eichstätt, dass den Brauern der Zusatz von
Bilsensamen bei fünf Gulden Strafe verboten sei. 1516 wurde schließlich das
„Bayerische Reinheitsgebot“ erlassen, das den Zusatz von Rauschpflanzen zum
Bier verbot. Naturdrogenanhänger lassen sich davon bis heute nicht abschrecken
und brauen sich immer noch „Bilsen-Met“.
Sie hat ihren Namen von „Atropa“, einer der drei
Parzen (Schicksalsgöttinnen), die nach der griechischen Mythologie den
Lebensfaden des Menschen abschneiden. Den Artnamen „Belladonna“ (schöne Frau)
erhielt die Pflanze wegen der allseits bekannten pupillenerweiternden Wirkung
des Beerensaftes, vom weiblichen Geschlecht bereits in der Antike als
Augenkosmetikum genutzt. Der deutsche Name Tollkirsche weist auf den
Inhaltsstoff Atropin hin, das „Tollheit“ auslöst. Weitere Namen, die im
Volksmund vorkommen sind: Teufelsbeere, Schlafkirsche, Schlafkraut, Wolfsbeere,
Irrbeere, Wutbeere, Deiwelskersche, Saukraut, Walkurbaum (weil jeder, der die
Beeren aß, den Walküren anheim fiele). Die Pflanze hat glockenförmige,
dunkelviolette Blüten und bringt schwarze Beeren hervor. In größeren Mengen
eingenommen rufen sie Vergiftungserscheinungen und
Sinnestäuschungen hervor. Zunächst jedoch
stellen sich bewusstseinserweiternde
Wahrnehmungen ein. Bei höherer Dosierung folgen
völlige Betäubung und Tobsuchtsanfälle bis hin zum Tod. Theophrast von Eresos,
ein Schüler von Aristoteles (gest. 287 v. Chr.) beschreibt schon im Altertum
die Giftwirkung der Tollkirsche und ihre Anwendung als Mordgift. Sogar in einem
Krieg spielte die Pflanze eine große Rolle: die Schotten besiegten ca. 1035 n.
Chr. die Norweger, indem sie ihnen mit Tollkirschen vergiftete Speisen zukommen
ließen.
Die Blätter des Datura stramonium sind auch als
Asthmablätter und Keuchblätter bekannt. Als Stechapfel bezeichnet man seine
Früchte. Andere Namen sind: schwarzer Kreuzkümmel, Tollkörner, Darmkugel,
Rauhapfel, Krötenmelde, Igelskolben, Stachelnuß, Hexenkamm. Die einjährige
Pflanze erreicht eine Höhe von mehr als einem Meter. Der Stengel ist kahl,
aufrecht und gabelartig verzweigt. Die Blätter sind buchtig gezähnt. Die
weißen, selten hell violetten Blüten stehen einzeln, sind kurz gestielt und
können eine Länge von bis zu 5 cm erreichen. Sie haben einen trichterförmigen
Saum mit fünf Zipfeln. Die Samen entwickeln sich in einer eiförmigen
stacheligen Kapsel, die innen vierlappig ist und im reifen Zustand eine braune
Farbe enthält. In dieser Kapsel sind viele kleine, schwarze, nierenförmige
Samen enthalten. Die Blütezeit beginnt im Juni, endet im August, die Früchte
treten von Juli bis Oktober auf. Schon um 300 v. Chr. wurde von der
narkotischen und giftigen Wirkung des gemeinen Stechapfels berichtet. Von dem
arabischen Arzt ABU SINA
wurde die Pflanze um das Jahr 1000 n. Chr. zum ersten Mal
medizinisch eingesetzt. In Übersee wurde der gemeine Stechapfel bei einigen
Völkern für Halluzinationen und Rauschzustände verwendet. Neben dem Bilsenkraut
und der Alraune gilt der Stechapfel als ein Mittel der „Hurenwirte, schlimmen
Mädchenverführer und frecher Wolllüstlinge“. Die Pflanze wurde erst im 16.
Jahrhundert in Europa eingeführt und im Mittelalter wurde ihr Samen von
Händlern in geringen Mengen dem Schweinefutter beigemengt, um die Tiere recht
fett werden zu lassen. Andere Zeiten, andere Sitten, jedenfalls leitet sich der
Name „Roßtäuscher“ von diesem Gebrauch ab. Vergiftungen traten durch den
innerlichen Genuss des Asthmatees aus dem Kraut, statt dem inhalativen
Gebrauch, auf. Die Pflanze ist ein beliebtes Rausch-, Mord- und
Selbsttötungsmittel. Sie ist ein Bestandteil der
so genannten K.O.-Tropfen der kriminellen Szene und dient als LSD-Ersatz. Das
Staatliche Chemische Laboratorium in Agra (Indien) untersuchte 2728 Todesfälle
durch Datura-Arten aus den Jahren 1950–65.
Volks- und Aberglaube im Mittelalter
In der europäischen Kultur hat sich die
religiöse Funktion von Rauschdrogen wohl am längsten in den magischen Praktiken
der so genannten Hexen erhalten. Während von einigen Ärzten und Psychiatern,
u.a. auch Paracelsus, die Visionen der Hexen als Ausgeburt von
Geisteskrankheiten angesehen wurden, haben Historiker und
Religionswissenschaftler in diesem Kult Elemente heidnischer Kulturen gesehen.
Der Bock beim „Hexensabbat“ ist wohl eher als Pan-Symbolik der weißen
Fruchtbarkeitsmagie anzusehen, als das von der Kirche der damaligen Zeit
dargestellte Satanssymbol. Aber leider war die Hexenjagd und Druidenhatz durch
die Inquisition der katholischen Kirche so erfolgreich, dass nur noch vermutet
werden kann, wie und wofür genau die weisen Frauen die Nachtschattengewächse
gebrauchten. Z.B. spielten sie in den so genannten Hexensalben eine sehr
wichtige Rolle.
Rezeptur
der Hexensalbe des GIAMBATTISTA DELLA PORTA
(1538–1615)2
4 Teile Lolium
temulentum (Taumellolch = Schwindelhafer: Neurotoxine)
4 Teile
Hyoscyamus niger (Bilsenkraut: Tropanalkaloide, u.a. halluzinogen)
4 Teile Conium
maculatum (gefleckter Schierling: Coniin; verändert die Hautsensibilität)
4 Teile Papaver
rhoeas (Klatschmohn: ungiftig, mild beruhigend)
4 Teile Lactuca
virosa (Giftlattich: haut- und schleimhautreizender Saft, resorptionsfördernd?)
4 Teile
Portulaca (Burzelkraut: ungiftig, schleimhaltig, entzündungswidrig,
reizlindernd)
4 Teile Atropa belladonna (Tollkirsche: Tropanalkaloide,
u.a. halluzinogen)
Pro Unze (31,1
g) dieser öligen Schmiere wird eine Unze Opium beigemengt. Laut
Selbstversuchen
soll 1 Skrupel (1,3g) eine zweitägige „Reise“ garantieren.
Dämonologen stritten sich lange darüber, ob
Hexen tatsächlich geflogen sind oder ob ihr Glaube, mit Hilfe böser Geister
fliegen zu können, nur Einbildung war. Tatsache ist, dass Inhaltsstoffe der
Nachtschattengewächse dafür verantwortlich sind, wenn die Halluzination
entsteht „fliegen“ zu können. Auch waren es die Wunschvorstellungen der
damaligen Zeit, Luftreisen zu machen und orgiastische Ausschweifungen,
Verwandlungen und Wunder vorzugaukeln – die Vorstellungen waren so echt, dass
der Betreffende sie nach dem „Trip“ für real erklärte und selbst Dichtung und
Wahrheit nicht mehr auseinander halten konnte. Diese Wirkung bestätigen auch
Selbstversuche von Wissenschaftlern aus den verschiedensten Jahrhunderten. Ein
weiterer magischer Mythos, der für gewöhnlich mit der Hexenzauberei in
Verbindung gebracht wird, ist die Metamorphose – der Glaube, dass Hexen und
Zauberer sich selbst in Tiere verwandeln können. Beispiele hierfür werden
sowohl in der Bibel als auch in der klassischen antiken Literatur zitiert. Dass
es sich hierbei ebenso um Halluzinationen, ausgelöst durch die Rauschwirkung
der Hexentränke oder Hexensalben handelt, ist wohl selbstredend. Allzu gut
passte auch der giftige Schierling (Conium maculatum) zum christlichen Bild von
der „venefica“ (lat. Giftmischerin) oder „malefica“ (lat. Schadenzauberin). Als
Mordgift hat sein Saft eine lange Tradition. Schon in der griechischen Antike
bediente man sich seiner, um politische Gegner aus dem Weg zu räumen. So
brachte er es als Todestrank des Sokrates schließlich zu traurigem Ruhm
(sicherlich eine der ersten schriftlich fixierten Arzneimittelprüfungen). Doch
was hat der Schierling – auch Tollkerbel genannt - in Hexensalben zu suchen?
Der Schierling gehörte in unseren Breiten mit zu den ersten Lokalanästhetika.
Mit seinem betäubenden Saft bestrich man sich die Haut z.B. vor Amputationen.
Dies gab Anlass zu der Spekulation, dass die Hexe, wenn sie sich damit salbte,
das Gefühl hatte, sich in ein Tier zu verwandeln. Schierling verändert die
Hautempfindung und verursacht ein Taubheitsgefühl, das in Kombination mit einem
Nachtschattenrausch in der Tat Halluzinationen von Fell oder Federkleid
bewirken kann. Manchmal vermittelt eine Schierlingsalbe auch das Gefühl, als ob
ein kühler Windhauch über die Haut bliese.
2 aus seiner „Magia naturalis von 1589
Rauschdrogen in der heutigen Zeit
Als so genannte „Biodrogen“ oder „Naturdrogen“
bekannt, finden Nachtschattengewächse
auch in unseren Breitengraden wieder zunehmend
Anwendung. Für Unberufene ist der Ausflug in die andere Erlebniswelt jedoch
keineswegs harmlos, lösen sie doch allzu leicht Drogenpsychosen aus. Bei
labilen Persönlichkeiten endete die „Hexenreise“ daher schon so manches Mal in
der Psychiatrie. Den meisten bleibt der Nachtschatten-Trip allerdings nur
unangenehm in Erinnerung: Mundtrockenheit, Sehstörungen, motorischer
Kontrollverlust, Kreislaufstörungen, Delirium und Kollaps sind vor allem an
heißen Tagen vorprogrammiert. In anderen Kulturen werden nach wie vor
Nachtschatten-Rauschgifte verwendet. So rauchen die Bewohner Schwarzafrikas die
Blätter von Datura fastuosa. In Peru kocht man aus den Blättern von Datura
sanguinea den „Tonga“ genannten Rauschtrank. Die australischen Eingeborenen
kauen „Pituri“, die Blätter einer Duboisia-Art (Duboisia hopwoodii), die
Indianer in Mexiko benutzen Datura praecox und querafolia, nordamerikanische
Indianer wiederum Datura meteloides. In Indien und im Iran kennt man Datura
metel und Hyoscyamus muticus und in Litauen hat man die Scopolia
carnicola-Wurzeln als „Liebeszauber“ benutzt.
Gibt es denn etwas von Gott Geschaffenes,
das nicht mit einer großen Gabe begnadet wäre?
Das nicht dem Menschen zum Nutzen angewendet werden könnte?
Wer das Gift verachtet, der weiß nicht, was im Gift ist.
Gibt es überhaupt etwas, das nicht giftig wäre?
Alle Dinge sind Gift - und nichts ist ohne Giftigkeit.
Allein die Dosis macht, dass etwas giftig wird.
Paracelsus (1493–1541)
Abraham, H., Thinnes, J.: Hexenkraut und
Zaubertrank. Urs Freund Verlag 1996
Donovan, F.: Zauberglaube und Hexenkult. Ein
historischer Abriss. Goldmann, München
1974
Hesse, E.: Rausch-, Schlaf- und Genussgifte.
Enke Stuttgart 1966
Madejsky, M.: Hexenpflanzen. In: Naturheilpraxis
10/97
Schmidbauer, W., vom Scheidt, J.: Handbuch der
Rauschdrogen. Fischer, Frankfurt 1998
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, http://www.wikipedia.org/
http://www.wi-inf.uni-essen.de/
Tipp: Für Hexenpflanzen-Interessierte lohnt sich
ein Ausflug zur Hexenpflanzen Ausstellung
(Freiland) der Blumenschule Engler &
Friesch, Augsburgerstr. 62, 86956 Schongau, Tel.
08861/7373. Die Blumenschule verkauft und
versendet auch zahlreiche Hexenkräuter im
Topf.
Renate Schmid
Frühlingstr. 29
82178 Puchheim
Praxis für klassische Homöopathie seit 1991,
Heilpraktikerin
Öffentlichkeitsarbeit für das Homöopathie-Forum
e.V. und den
BKHD (Bund klassischer Homöopathen
Deutschlands).